{"id":82,"date":"2023-06-25T17:49:25","date_gmt":"2023-06-25T17:49:25","guid":{"rendered":"https:\/\/tristan.thietz.de\/?p=82"},"modified":"2023-06-25T17:49:26","modified_gmt":"2023-06-25T17:49:26","slug":"premiere-von-luther-im-theater-am-fluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tristan.thietz.de\/?p=82","title":{"rendered":"Premiere von Luther im Theater am Fluss"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die folgende Reportage wurde urspr\u00fcnglich im Oktober 2017 in der Zeitung <\/em>Ruhr Nachrichten Schwerte<em> ver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Schwerte \u2013 Wie erlebt man ein Theaterst\u00fcck als Schauspieler? Wie f\u00fchlt es sich an, eine viel geprobte Szene endlich vor Publikum zu spielen? Tristan Thietz war als Schauspieler selber dabei, als die Inszenierung \u201eLuther\u201c am Dienstag, den 3. Oktober seine Premiere hatte, und berichtet \u00fcber seine Eindr\u00fccke von der Vorstellung.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 16 Uhr treffen wir uns in der Theaterhalle. Die Vorstellung ist zwar f\u00fcr 18 Uhr angesetzt, aber vorher sind noch viele Dinge zu tun. Die Brezeln f\u00fcrs Foyer m\u00fcssen frisch aufgebacken, Requisiten m\u00fcssen bereitgelegt werden. Das B\u00fchnenbild muss \u201eauf Null\u201c gesetzt werden, das hei\u00dft, es muss f\u00fcr die erste Szene alles fertig aufgebaut und angeordnet werden. Es herrscht eine nerv\u00f6se Stimmung in der Halle, viele gehen gedanklich oder leise murmelnd ihren Text durch, sprechen letzte Dinge ab, die sie sp\u00e4ter auf der B\u00fchne ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen. Generell wird es immer laut, wenn sich die Schauspieler auf die Vorstellung vorbereiten, denn die meisten sind angespannt, und dann liegen die Nerven ein bisschen blank.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ich bin nerv\u00f6s; die Probenzeit von Luther war mit vielen Herausforderungen verbunden; mit 25 Leuten sind wir eines der gr\u00f6\u00dften Ensembles der letzten Jahre in unserem Theater, und mit dreieinhalb Stunden Spielzeit und \u00fcber 40 Szenen ist \u201eLuther\u201c auch eine der l\u00e4ngsten Inszenierungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das Publikum das St\u00fcck aufnehmen wird wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, heute ist nicht nur die Premiere von \u201eLuther\u201c, sondern sogar die Urauff\u00fchrung. Unser Regisseur Stefan Schroeder hat St\u00fcck selber verfasst, mit gro\u00dfer historischer Genauigkeit zeichnet er darin Luthers Leben nach, und das erfordert eine gro\u00dfe Gruppe an Schauspielern, die teilweise in mehrere Rollen schl\u00fcpfen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend aufw\u00e4ndig und langwierig waren nat\u00fcrlich die Proben, zu allem \u00dcberfluss musste auch die Premiere verschoben werden &#8211; nachdem unser Hauptdarsteller mit dem Fu\u00df b\u00f6se umgeknickt war, wurde die erste Vorstellung am Sonntag abgesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch heute ist es endlich so weit, und mir gehen so viele Gedanken durch den Kopf. Wie wird das St\u00fcck ankommen? Haben wir auch wirklich genug geprobt?&nbsp; Mittlerweile kann ich ich meinen Text, aber im kleinen Kreis zu proben f\u00fchlt sich immer anders an, als sich vor einem Publikum \u00f6ffentlich zu pr\u00e4sentieren. Werden die Szenen wirklich reibungslos laufen? Das Ensemble ist sogar so gro\u00df, dass wir gar nicht alle in die normale Garderobe hinter der B\u00fchne passen, wir haben nur f\u00fcr das gro\u00dfe Ensemble noch weitere R\u00e4ume in der Theaterhalle bezogen, im ersten Stock haben wir jetzt eine weitere, gro\u00dfe Garderobe. Dort gehe ich um 16:30 hoch; mein Kost\u00fcm liegt bereit. Ich spiele eine kleine Rolle, einen Professor an Luthers Universit\u00e4t, mein Kost\u00fcm, ein schlichter schwarzer Anzug, h\u00e4ngt f\u00fcr mich am Kleiderhaken. Nach und nach trudeln immer mehr Schauspieler im ersten Stock ein, in der gro\u00dfen Garderobe. Hier oben sind wir so weit von der B\u00fchne entfernt wie sonst nie, damit wir nachher wissen, wann wir auftreten m\u00fcssen, haben wir ein Funkger\u00e4t. Ein einzelner Schauspieler aus unserem Ensemble wird w\u00e4hrend der gesamten Vorstellung am B\u00fchnenaufgang stehen, das St\u00fcck verfolgen und uns \u00fcber das Funkger\u00e4t auf dem Laufenden halten, wann wir dran sind. Eine v\u00f6llig ungewohnte Methode f\u00fcr uns, und ein weiterer Unsicherheitsfaktor.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 17:35 schlie\u00dflich kommt Stefan, unser Regisseur zu uns hoch in die gro\u00dfe Garderobe f\u00fcr eine kurze Ansprache, auch das geh\u00f6rt zu jeder Vorstellung dazu. Er w\u00fcnscht uns viel Gl\u00fcck und sei zuversichtlich, dass alles gut laufen wird. Die Nervosit\u00e4t ist ihm ein bisschn anzumerken. Wir stellen uns zusammen in einen Kreis, klopfen unserem linken Nachbarn auf die Schulter, unserem rechten Nachbarn, und fl\u00fcstern dabei \u201eToi, toi, toi!\u201c Das soll Gl\u00fcck bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand antwortet mit \u201eDanke\u201c &#8211; das w\u00fcrde Ungl\u00fcck bringen. Niemand ist so abergl\u00e4ubisch wie&nbsp; Schauspieler, aber wer vor einer Vorstellung so aufgeregt ist wie ich selber zum Beispiel, der entwickelt&nbsp; Rituale, um sich sicher zu f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan und die Schauspieler, die am Anfang dran sind, gehen schon mal runter. Um kurz nach 18 Uhr bekommen wir per Funk die Nachricht \u201eEs hat angefangen\u201c. Jetzt beginnt der anstrengendste Teil: Warten. Da die meisten ersten Leute in Szene 9 das erste Mal auftreten, haben wir die ersten Szenen \u00fcber nichts zu tun. Noch bekommen wir von der Premiere, die unten l\u00e4uft, nichts mit, wir wissen nicht, wie viele Zuschauer da sind, und h\u00f6ren ihre Reaktionen nicht. Die Zeit vergeht, einige lesen Zeitung, essen, spielen am Handy, h\u00f6ren Musik. Im Abstand von Minuten kommen&nbsp; Funkspr\u00fcche durch wie zum Beispiel \u201eNoch eine halbe Seite bis Szene 3!\u201c&nbsp; &#8211; \u201eJetzt beginnt Szene 3!\u201c Schlie\u00dflich die der Funkspruch \u201eAlle f\u00fcr Szene 9&nbsp; runter!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal setzen sich alle in Bewegung, wir schleichen uns \u00fcber die Treppe ins Erdgeschoss, dann durch den Flur, und in die kleine Garderobe, die direkt an die B\u00fchne grenzt. Jetzt trennt uns nur noch eine T\u00fcr von dem Scheinwerferlicht, und ich merke, wie&nbsp; dieses vertraute Kribbeln langsam in meinem Bauch aufsteigt, die Aufregung, die ich jedes Mal vor dem Auftritt habe. Szene 8 ist zu Ende, die Scheinwerfer gehen kurz aus, das ist unser Zeichen. Wir eilen auf die B\u00fchne, ich erhasche im Halbdunkel einen ersten Blick auf das Publikum, und auf einmal bin ich in helles Scheinwerferlicht getaucht. Ab jetzt wird gespielt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich \u00fcber die B\u00fchne renne, schleiche und stolziere, meinen Text mal rufe und mal vertraulich rede, lasse ich meine Augen unauff\u00e4llig \u00fcber das Publikum schweifen. Es ist voll in der Halle, etwa 80 Zuschauer sind da. Allein in der ersten Reihe sitzen drei Fotografen, am B\u00fchnenrand steht der vierte. Ich entdecke auch hier und da vertraute Gesichter, Freunde und Bekannte. Wann immer eine Szene zu Ende ist, laufen wir zur\u00fcck in die kleine Garderobe, und wenn wir viel Zeit bis zu unserer n\u00e4chsten Szene haben, wieder in den ersten Stock. Ab jetzt geht alles Schlag auf Schlag; eine Szene nach der anderen kommt, es l\u00e4uft gut, jeder kann seinen Text, wir bekommen sogar Szenenapplaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob ein St\u00fcck funktioniert oder nicht merkt man dem Publikum an, und zwar sofort. Mein Eindruck beim Spielen: Die Zuschauer sind wirklich im Geschehen, sie lauschen aufmerksam an den ernsten Stellen und lachen in witzigen Momenten. Es funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich ist Pause, eine Viertelstunde zum Verschnaufen, sich nochmal konzentrieren, bevor es weitergeht. Stefan kommt hoch hoch, um uns eine erste R\u00fcckmeldung zu geben. Wie er das Publikum heute einsch\u00e4tzen w\u00fcrde frage ich ihn. \u201eIch glaube die sind heute ganz gut drauf.\u201c, meint Stefan l\u00e4chelnd.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann geht es weiter; in Zeitraffer spielt sich Luthers ganzes Leben auf der B\u00fchne ab , der Reichstag zu Worms, die B\u00fccherverbrennung durch Luther und so weiter und so fort. Viele Szenen hat man bei den Proben schon so oft durchgespielt oder angeguckt, dass man die S\u00e4tze der anderen schon mitsprechen kann. der vorletzten Szene verhaspel ich mich ein bisschen; ich sage meinen Satz etwas zu sp\u00e4t, aber mit etwas Improvisation \u00fcberspielen wir das.<\/p>\n\n\n\n<p>Improvisation geh\u00f6rt eigentlich immer dazu; jedes Publikum ist anders, reagiert anders und beeinflusst dadurch auch die Art und Weise, wie sich die Schauspieler auf der B\u00fchne f\u00fchlen und wie sie bestimmte Dinge ihrer Rolle ausspielen. Jede Auff\u00fchrung wird dadurch einzigartig.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich endet das St\u00fcck mit Luthers Tod. Zum Applaus kommt das komplette Ensemble auf die B\u00fchne, wir sind so viele, dass wir kaum alle in eine Reihe passen, aber nach der ersten Verbeugung verklingt der Applaus nicht, wir m\u00fcssen noch einmal aus der Garderobe raus und uns ein zweites Mal verbeugen. Nachdem wir uns schnell umgezogen haben rasen wir Schauspieler immer so schnell wie m\u00f6glich in den Zuschauerraum, um noch ein paar Zuschauer beim Rausgehen zu erwischen. Jeder findet immer ein paar bekannte Gesichter unter den Zuschauern, jetzt wird nach der Auff\u00fchrung gequatscht und gewitzelt, und am meisten von allen strahlen immer die Schauspieler. Ein bisschen Eitelkeit geh\u00f6rt zum Theaterspielen vielleicht auch dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Arbeit endet nat\u00fcrlich nicht mit dem Schlussapplaus; nachdem das Publikum gegangen ist, m\u00fcssen die Requisiten sortiert, die Halle aufger\u00e4umt und der Premieren-Sekt getrunken werden, das erledigt sich ja nicht alles von alleine. Stefan h\u00e4lt zum Abschluss im Kreise seines Ensembles eine kurze Ansprache; diesmal ist es Erleichterung, die man ihm anmerkt; auch das geh\u00f6rt zum Theater dazu, der st\u00e4ndige Wechsel von Anspannung und Entspannung, von Aufregung und Erleichterung. Schlie\u00dflich l\u00f6st sich die Truppe f\u00fcr diesen Abend auf; gegen 23 Uhr bin ich endlich zuhause, m\u00fcde, aber auch gl\u00fccklich. Wieder ein Tag rum. Wieder eine Auff\u00fchrung geschafft. Genug Theater gespielt. Zumindest bis zur n\u00e4chsten Auff\u00fchrung. Theater macht m\u00fcde, aber auch s\u00fcchtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Info: Die n\u00e4chsten Auff\u00fchrungen von \u201eLuther\u201c sind am 15. Oktober um 18 Uhr, sowie am 5., 6., 13. und 14. Oktober um 19:30 Uhr in der Halle 4 der Rohrmeisterei.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer selber Interesse hat, beim Theater am Fluss mit zu spielen, kann sich unter <a href=\"mailto:info@theateramflus.de\">info@theateramflus.de<\/a> melden.<\/p>\n\n\n\n<p>Tristan Thietz<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die folgende Reportage wurde urspr\u00fcnglich im Oktober 2017 in der Zeitung Ruhr Nachrichten Schwerte ver\u00f6ffentlicht. Schwerte \u2013 Wie erlebt man ein Theaterst\u00fcck als Schauspieler? Wie f\u00fchlt es sich an, eine viel geprobte Szene endlich vor Publikum zu spielen? Tristan Thietz war als Schauspieler selber dabei, als die Inszenierung \u201eLuther\u201c am Dienstag, den 3. Oktober seine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[16,29,28,27,18,22],"class_list":["post-82","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-archiv","tag-luther","tag-premiere","tag-reportage","tag-taf","tag-theater","tag-theaterstueck"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=82"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":83,"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/82\/revisions\/83"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=82"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=82"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tristan.thietz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=82"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}