{"id":60,"date":"2023-06-25T15:13:08","date_gmt":"2023-06-25T15:13:08","guid":{"rendered":"https:\/\/tristan.thietz.de\/?p=60"},"modified":"2023-06-25T15:20:18","modified_gmt":"2023-06-25T15:20:18","slug":"peter-grimes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tristan.thietz.de\/?p=60","title":{"rendered":"Peter Grimes"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die folgende Rezension wurde urspr\u00fcnglich im August 2016 zu einer Inszenierung von Benjamin Brittens <\/em>Peter Grimes<em> am Opernhaus Dortmund verfasst. Sie wird an dieser Stelle mit leichten Korrekturen reproduziert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 9. April 2016 hatte \u201ePeter Grimes\u201c am Opernhaus Dortmund Premiere. Seitdem hat die Inszenierung mehr und mehr positive Resonanz erfahren, sowohl durch Zuschauer als auch durch Kritiker. Tilmann Knabe wurde als Regisseur gelobt, Gabriel Feltz f\u00fcr die musikalische Leitung gew\u00fcrdigt. Laut dem Opernmagazin geh\u00f6rt \u201ePeter Grimes\u201c zum \u201eBesten, was es in der Oper Dortmund in den letzten Jahren zu sehen gab\u201c (http:\/\/opernmagazin.de\/premiere-von-benjamin-brittens-peter-grimes-eine-dortmunder-opernhaus-sternstunde\/; zul. aufger. 04.06.16). Doch was macht die Faszination f\u00fcr diese Trag\u00f6die aus? Um dieses Ph\u00e4nomen zu verstehen liegt es nahe, zun\u00e4chst einen Blick auf die Entstehung des Werkes zu werfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePeter Grimes\u201c ist eine Oper des britischen Komponisten Benjamin Britten, die das entbehrungsreiche und tragische Leben des einsamen Fischers Peter Grimes in einem fiktiven Fischerdorf erz\u00e4hlt. Sie wurde im Jahre 1945 in London uraufgef\u00fchrt und hatte \u00fcberraschend gro\u00dfen Erfolg. Das Publikum nahm das Werk begeistert auf, und die Presse feierte Britten als den neuen \u201eOrpheus Britannicus\u201c, als den ersten gro\u00dfen Musikdramatiker Englands seit Henry Purcell. Bis heute gilt Britten als einer der wichtigsten Stifter einer nationalen, eigenst\u00e4ndigen Musikdramatik in England und als einer der bedeutendsten Opernkomponisten des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise h\u00e4ngt der Erfolg dieser Oper auch mit der pers\u00f6nlichen Beziehung Brittens zu seinem Werk zusammen. Britten selbst hatte aufgrund seiner Homosexualit\u00e4t zeitlebens mit Gef\u00fchlen der Ausgrenzung zu k\u00e4mpfen. Ihm war es wichtig, die soziale Dimension von Peter Grimes in den Vordergrund zu stellen, die Dualit\u00e4t zwischen Masse und Individuum, und erkl\u00e4rte 1948 zur New Yorker Erstauff\u00fchrung \u201eje b\u00f6sartiger die Gesellschaft, desto b\u00f6sartiger das Individuum\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder wie der Hauptdarsteller Peter Pears es ausdr\u00fcckte \u201e[Peter Grimes ist] weder Held noch Opernschurke. Er ist kein Sadist und kein D\u00e4mon. Das zeigt die Musik ganz eindeutig. Er hat vieles gemein mit einem gew\u00f6hnlichen, schwachen Menschen, der mit der Gesellschaft, in der er lebt, nicht zurechtkommt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prolog beginnt mit einem Gerichtsverfahren gegen Grimes. Nachdem sein Lehrjunge unter unklaren Umst\u00e4nden auf einer Bootsfahrt gestorben ist, wird Grimes unter dem Verdacht des Mordes vor Gericht gestellt. Aus Mangel an Beweisen wird er freigesprochen, aber einmal in die Welt gesetzt, bleiben die Ger\u00fcchte \u00fcber einen angeblichen Kindermord im kollektiven Bewusstsein der Dorfgemeinschaft, daher r\u00e4t der Richter ihm, in Zukunft keinen Lehrjungen mehr bei sich aufzunehmen. Die Einzige, die nach diesem Vorfall noch zu ihm h\u00e4lt, ist Ellen Orford, eine verwitwete Lehrerin, die Gef\u00fchle f\u00fcr den Fischer empfindet, und ein offenes Ohr f\u00fcr seine \u00c4ngste und Sorgen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Akt sind bereits einige Tage seit dem Prozess vergangen, doch werden die Anfeindungen der Dorfbewohner gegen Peter Grimes immer deutlicher.&nbsp; Trotzdem oder gerade deswegen entschlie\u00dft sich Grimes, einen neuen Lehrjungen aufzunehmen: Er sieht nur einen Ausweg, um seinen Platz in der Dorfgemeinschaft zu finden und eines Tages Ellen heiraten zu k\u00f6nnen \u2013 durch hart erarbeiteten Wohlstand. F\u00fcr die Arbeit auf See beschafft er sich einen neuen Lehrjungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Akt bemerkt Ellen Bluterg\u00fcsse an Grimes neuem Lehrling und beginnt, um die Sicherheit des Jungen zu f\u00fcrchten. Sie stellt Peter Grimes zur Rede. Dieser dr\u00e4ngt wie besessen darauf, mit dem Jungen wieder arbeiten zu gehen, in der Hoffnung, das Geflecht aus Vorw\u00fcrfen und Misstrauen so abzusch\u00fctteln. Es kommt zu einem Streit zwischen ihm und ihr, ehe Grimes den Jungen mit sich nimmt und geht. Einige Dorfbewohner vermuten in Peter Grimes&#8216; Verhalten Anzeichen f\u00fcr das n\u00e4chste Verbrechen und folgen ihm zu seiner H\u00fctte. Als die Einwohner Peters Zuhause erreichen, dr\u00e4ngt dieser seinen Lehrjungen, die H\u00fctte z\u00fcgig durch die Hintert\u00fcr zu verlassen und in das Fischerboot zu steigen, um wieder auslaufen zu k\u00f6nnen. Dabei st\u00fcrzt der Lehrjunge ungl\u00fccklich von der Klippe und stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Akt schlie\u00dflich beginnt der P\u00f6bel seinen Sturm gegen Grimes. Kapit\u00e4n Balstrode und Ellen Orford raten Peter, vor dem Zorn der Meute auf die See zu fliehen, was er auch tut. So entkommt er der Justiz der Dorfgemeinschaft, muss allerdings auf See bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besetzung wirkt wie f\u00fcr dieses Werk geboren. Dem Hauptdarsteller Peter Marsh gelingt bravour\u00f6s die Leistung, der schwierigen Hauptfigur sowohl durch sein k\u00f6rperliches Spiel als auch durch seinen hingebungsvollen Gesang Leben einzuhauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders in Erinnerung bleibt dem Zuschauer auch Emily Newton, die Darstellerin von Ellen Orford, die ihre Arien mit einem hinrei\u00dfenden Gef\u00fchl \u00fcber den gem\u00e4chlichen Klangteppich des Orchesters tr\u00e4gt und f\u00fcr den einen oder anderen G\u00e4nsehautmoment sorgt, beispielsweise in der ersten Szene des zweiten Aktes, als sie die Blessuren am K\u00f6rper des Jungen entdeckt. Auch der Dialog zwischen Ellen und Peter im Prolog setzt schon sehr fr\u00fch einen bemerkenswerten Moment in der Inszenierung, weil es beiden gelingt, das von Benjamin Britten gut durchdachte Duett gef\u00fchlvoll umzusetzen \u2013 sie singt in E-Dur, er in F-Moll, also mit gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher N\u00e4he und hoher Dissonanz zugleich, ehe Ellen schlie\u00dflich zu Peter durchdringt und er in ihre Tonart umschwenkt. Das Verh\u00e4ltnis zwischen den beiden wird hier von Peter Marsh und Emily Newton in Spiel und Gesang \u00fcberzeugend vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was w\u00e4re die britische Oper ohne umfangreiche Chorpartien? Auch der Chor und der Extrachor \u00fcberzeugen auf ganzer Linie durch eine hundertprozentige Pr\u00e4senz und ein beeindruckendes Volumen, optisch wird dem klanglichen Reichtum der Massenszenen durch eine eindrucksvolle Detailfreude Rechnung getragen: Die modernen, teilweise schrillen Kost\u00fcme von Kost\u00fcmbildnerin Eva-Mareike Uhlig, das einfallsreich ausgestaltete B\u00fchnenbild von Annika Haller und auch das Spiel der Statisten und Chors\u00e4nger tragen das fiktive Fischerdorf 70 Jahre nach seiner Erfindung durch Benjamin Britten in unsere Zeit und verleihen ihm eine aktuelle und lebendige Atmosph\u00e4re. Solisten und Chor schaffen es sowohl schauspielerisch als auch musikalisch, die Dramatik der Handlung sp\u00fcrbar zu machen. Handwerklich ist dem Opernhaus Dortmund also im Rahmen seiner orchestralen und personalen M\u00f6glichkeiten eine hervorragende Umsetzung des aufw\u00e4ndigen Werkes gelungen, vor allem, weil hier Chancen gesehen und genutzt wurden, Brittens urspr\u00fcngliche Vorstellungen effektiv umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>In anderen Bereichen versucht man sich hier bewusst von Britten zu l\u00f6sen, um so etwas v\u00f6llig Neues und Eigenes zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>In bester Dortmunder Theater-Tradition l\u00f6st man sich gerade von der Tradition, insbesondere in dramaturgischen und optischen Aspekten, sucht teilweise erkennbar Profilsch\u00e4rfe durch einen deutlichen Kontrast zu Brittens urspr\u00fcnglichem \u201ePeter Grimes\u201c, seien es die freiz\u00fcgigen, schrill bekleideten Prostituierten vor dem Bordell oder die wahlweise betrunkenen torkelnden oder im Takt des Chorgesangs kopulierenden Freier am Hafen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Motive des Werkes haben ohnehin nichts von ihrer Aktualit\u00e4t verloren: Das Anderssein, die Dualit\u00e4t zwischen Individuum und Masse und die Regeln und die Dynamik einer in sich geschlossenen Gemeinschaft sind damals wie heute wichtige Themen. Die Geschichte eines Au\u00dfenseiters auf der einen Seite und eines P\u00f6bels auf der anderen Seite, der sich durch Ressentiments in eine Hetzjagd gegen den Einzelnen steigert, kann den Menschen gerade heute noch in den Zeiten der Fl\u00fcchtlingskrise und neu aufkommendem Fremdenhasses einen Spiegel vorhalten und dem Publikum die Schw\u00e4chen des Menschseins aufzeigen. Doch statt sich mehr auf diesen Pol der Handlung zu konzentrieren, auf die Dynamik und Problematik einer Menschengruppe, sucht Tilmann Knabe das Thema von \u201ePeter Grimes\u201c im titelgebenden Akteur und findet den Antrieb der Handlung in psychopathischen Veranlagungen von Peter Grimes. Eine mutige Interpretation, die ihre Kr\u00f6nung im vierten Interlude findet. Der tragische Tod des zweiten Lehrjungen, wie er in den Regieanweisungen des Librettos beschrieben wird, hat nichts mit dem blutigen Mord zu tun, der sich dem Zuschauer in dieser Interpretation zeigt. Die intensive Szene, wie Britten sie sich vorstellt hatte, wurde umgedeutet: Aus der symbolischen Einengung zwischen den zwei T\u00fcren der H\u00fctte, die die pl\u00f6tzliche Akkumulation der Handlung symbolisierte, wurde ein Standbild psychopathischer Grausamkeit, denn in Knabes Szene liegt der Lehrjunge bereits ermordet in blutgetr\u00e4nkten Bettlaken, und aus Grimes hoffnungsvollem Zureden an seinen Lehrjungen wurde ein schizophrener Monolog, der Grimes&#8216; Verwirrung belegen soll. Doch nicht nur die Rezitative wurden in ein vollkommen anderes Licht ger\u00fcckt, der gesamte originale Korpus von \u201ePeter Grimes\u201c ist dieser Interpretation unterworfen. Die raffinierte Sprache der Musik im vierten Interlude hatte \u2013 wie so oft bei Britten \u2013 den Zweck, den Zuschauer zu manipulieren, die Szene in der H\u00fctte wird von der immer gleichen Melodie in der Bassstimme begleitet. Zum selben basso ostinato sang der Chor in einer fr\u00fcheren Szene schon seine Anschuldigungen gegen Grimes. In einer subtileren Interpretation, ohne eine blutige Kinderleiche im Bett, h\u00e4tte man diese Chance nutzen k\u00f6nnen, um dem Zuschauer diese Anschuldigungen wie von fern in Erinnerung zu rufen und zun\u00e4chst nur vorsichtige Zweifel an Grimes&#8216; Unschuld zu suggerieren, ein zus\u00e4tzlicher kurzer Spannungsmoment bis zum pl\u00f6tzlichen Unfalltod des Jungen an der Klippe. Diese Wirkung wird mit der Kinderleiche f\u00fcr einen sehr viel drastischeren, optischen Effekt aufgegeben. Auch erscheint Pfarrer Adams im Original als ein wohlmeinender Vertreter von Recht und Ordnung, hier erscheint er hingegen als eine Personifizierung der Korruption und Verderbtheit, denn w\u00e4hrend seine Feststellung \u201eTher&#8217;s no point certainly in staying here\/ And will the last to go please to close the door.\u201c (II, 2) auf dem Papier des Librettos der Hinweis zu einem retardierenden Moment h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, kann er an einem Tatort nur noch als Symbol der Feigheit und des Wegschauens verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePeter Grimes\u201c wurde von dem Opernhaus Dortmund als ein St\u00fcck angek\u00fcndigt, das P\u00e4dophilie und Mord thematisiert und das Unrecht, das durch die Unt\u00e4tigkeit und die Ignoranz anderer,&nbsp; vermeintlich Unbeteiligter zustande kommt. Inwieweit dieses Bild sich mit den Facetten des Werkes vertr\u00e4gt, liegt im Auge des Betrachters, aber einiges spricht dagegen: Das aggressive Auftreten der gewaltbereiten Dorfgemeinschaft im Prolog, der bedrohliche Fackelaufmarsch des Chors in Szene 1 des dritten Aktes deuten ein enormes Konfliktpotential auf Seiten dieses zweiten Akteurs, des P\u00f6bels an, Vorausdeutungen, die hier zwar in aller Radikalit\u00e4t dargestellt werden, wie um ein Unrecht gegen Peter Grimes anzuk\u00fcndigen, die aber f\u00fcr Knabes d\u00fcstere Interpretation der Figur Peter Grimes fallen gelassen werden. Wo Benjamin Britten dem Rezipienten Raum f\u00fcr Interpretationen gelassen hat, wirft das Opernhaus Dortmund mit voller \u00dcberzeugung ein zerfleischtes Kind in das Bild, wo Britten lieber den Schleier der Ungewissheit \u00fcber den Hintergr\u00fcnden der Handlung liegen l\u00e4sst, setzt Knabe eine krasse Aussage. Die Figur des Peter Grimes wird dadurch nicht unbedingt verst\u00e4ndlicher. Man hat anfangs noch Mitleid mit dieser armen Fischerseele, die im Prolog im Kontrast zu den w\u00fctenden Einwohnern noch so rational erscheint, den Unfalltod des ersten Lehrjunges nach bestem Wissen und Gewissen bezeugt und kurz darauf im Dialog mit Ellen so viel Menschliches sagt, eine der wenigen Figuren, die der Zuschauer nicht nur in einer Funktion der Dorfgemeinschaft kennenlernt \u2013 anders als B\u00fcrgermeister Swallow etwa, Pastor Adams, Apotheker Keene oder Fuhrmann Hobson \u2013 sondern als Pers\u00f6nlichkeit. Aber diese Inszenierung nutzt jede M\u00f6glichkeit zwischen Brittens Noten, um Grimes diffuser werden zu lassen. Am Ende der Oper soll das Bild eines Psychopathen stehen, aber so ganz \u00fcberzeugt das nicht, daf\u00fcr gibt es zu viele andere Schwerpunkte im Werk, ist die moralische Verkommenheit und die Ungerechtigkeit in der Dorfgemeinschaft zu gro\u00df, als dass der Zuschauer noch mit irgendjemandem mitf\u00fchlen will oder kann. Im Prolog, in dem Grimes mit Ellen Orford \u00fcber seine \u00c4ngste, seine Gef\u00fchle und Gedanken redet, wird deutlich, dass Grimes zwar ein Au\u00dfenseiter ist, aber ein Au\u00dfenseiter, der sensibel genug ist, dies als Mangel wahrzunehmen, und der unter der ungerechten Behandlung durch seine Mitmenschen leidet, sich schlie\u00dflich ganz in seine Arbeit als Fischer kniet und Anerkennung durch finanziellen Erfolg zu verdienen sucht. Seine Dialoge enthalten nicht einen Hinweis auf das psychopathische Problem und verlieren durch die sp\u00e4tere Entmenschlichung von Peter Grimes an dramaturgischer Bedeutung. Ist Peter Grimes ein geistig kranker Mensch? Nach dieser Interpretation schon. Der Fackeln schwenkende P\u00f6bel? Der einzige Streiter f\u00fcr Gerechtigkeit. Peters R\u00fcckzug auf das Meer? Flucht vor dem gerechten Volkszorn. Und die Chorpartie am Ende des dritten Aktes, in der das Leben ohne Grimes so weitergeht wie bisher und der ewige Fortgang der Gezeiten besungen wird, soll nun laut Regie nicht etwa den endg\u00fcltigen Ausschluss von Peter Grimes aus der Gemeinschaft symbolisieren, sondern die R\u00fcckkehr der Einwohner in ihr allt\u00e4gliches Leben und das Verdr\u00e4ngen von Peter Grimes Verbrechen, soll ein Beweis f\u00fcr die fehlende Solidarit\u00e4t und Integrit\u00e4t der Einwohner werden und ein Appell an das Publikum, bei geschehenem Unrecht hinzuschauen und zu handeln. Eine interessante Umdeutung. Die Aufbereitung als Psychogramm eines verwirrten Sonderlings ist interessant und l\u00e4sst sich auch sicherlich auch aus der Vorlage herauslesen, aber sie verliert Brittens urspr\u00fcngliche Intention aus den Augen, die tragische Handlung nicht durch das Wesen eines einzelnen Mannes zu erkl\u00e4ren, sondern durch die Dialektik von Masse und Individuum. Nat\u00fcrlich ist Peter Grimes eine ambivalente Figur, ein T\u00e4ter und ein Opfer gleicherma\u00dfen. Aber hier liegt der Fokus v\u00f6llig auf seiner Rolle als T\u00e4ter, Peter wird zu einem Opfer als selbstverschuldete Konsequenz seines eigenen Handelns. Am Ende bleibt Peter Grimes einsam und alleine und von den Logen \u00fcber dem Publikum singt der Chor, bevor auch der zuletzt verstummt. Wenigstens in der Musik hat die Dorfgemeinschaft noch das letzte Wort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die folgende Rezension wurde urspr\u00fcnglich im August 2016 zu einer Inszenierung von Benjamin Brittens Peter Grimes am Opernhaus Dortmund verfasst. Sie wird an dieser Stelle mit leichten Korrekturen reproduziert. Am 9. April 2016 hatte \u201ePeter Grimes\u201c am Opernhaus Dortmund Premiere. 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